Gartenkunst und Landschaftspflege
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Erhaltung und Entwicklung von Parks und Gärten im "grünen" Weiterbildungszentrum für Sachsen-Anhalt

Die Gartentherapeutin Joana Obenauff von Wurzelglück in Magdeburg möchte Sie in ihrem diesmonatigen Beitrag mit den Worten des russisch-amerikanischen Schriftstellers Vladimir Nabokov "Nichts belebt die Vergangenheit so vollständig wieder, wie ein Duft." in die Welt des Riechens und der Erinnerungen mitnehmen!

"Der Geruchssinn ist unser ältester und sogar lebenswichtigster Sinn. Vor allem in der Frühzeit der Menschheit hatte er eine wichtige Funktion. Er schützte uns vor Gefahren wie Gift, Feuer oder Gase. Er ermöglichte uns, Regen und drohende Gewitter zu riechen, half dabei, Wasser und Nahrung zu finden und genießbare Lebensmittel von ungenießbaren, faulen oder giftigen zu unterscheiden und er sagt uns bei der Partnerwahl noch heute ob „die Chemie stimmt“!

Doch wie funktioniert Riechen eigentlich? Den Sinnesreiz lösen Duftmoleküle in der Luft aus, die wir mit jeden Atemzug durch die Nase aufnehmen – immerhin rund 20.000 Atemzüge pro Tag bei einem Erwachsenen! Sie sind mikroskopisch klein und werden von jedem Lebewesen, vielen Gegenstände, Materialien sowie physikalischen und chemischen Prozessen z. B. in der Luft (bei Regen und Gewitter) abgesondert oder gebildet.

Die Moleküle treffen in der Nase auf die Nasenschleimhaut, wo sich zwischen 10 und 30 Millionen Riechzellen befinden, die auf das Erkennen von Gerüchen spezialisiert sind. Die wenige Quadratzentimeter große Schleimhaut besitzt Rezeptoren, die ca. 400 verschiedene Duftstoffe erkennen können. Um einen Geruch überhaupt wahrzunehmen, muss sich nur ein einziges Duftmolekül unter einer Billion Luftmolekülen befinden.

Ein gesunder Mensch kann mehr als 10.000 verschiedene Duftnoten unterscheiden. Ganz automatisch und ohne, dass wir es merken, wird jeder Duft geordnet, verarbeitet, verknüpft, interpretiert und in einer Art Duftregister abgespeichert, sodass wir im Laufe unseres Lebens 4.000 bis 10.000 Gerüche „erlernt“ haben.

Im Unterschied zu den Informationen des Hör- und Sehsinns durchlaufen die Informationen des Geruchssinns nicht erst noch den Thalamus, eine Zwischenstation vor der Großhirnrinde, in der eingehende Sinnesreize verarbeitet werden. Da einige Nervenbahnen direkt von der Nase zum Hippocampus und zur Amygdala gehen, gelangen Gerüche direkt und ungefiltert ins limbische System, wo Erlebnisse verarbeitet, Erinnerungen gebildet und Ereignisse emotional bewertet werden.

Daher sind unsere Erinnerungen so eng mit Düften und Gerüchen verknüpft. Sie rufen die stärksten, emotionalsten und direktBenutzeresten Erinnerungen hervor. Düfte und Gerüche werden gemeinsam mit den Informationen zum Was, Wo und Wann des Ereignisses abgespeichert, sodass Erinnerungen besser und länger im Gedächtnis abgespeichert und schwerer vergessen werden können. Jeder Geruch ist daher immer mit einem positiven oder negativen Gefühl verbunden, je nach dem in welchem Zusammenhang wir den Duft „erlernt“ haben. So schrieb schon der griechische Philosoph Aristoteles „Der Mensch riecht Riechbares nicht, ohne ein Gefühl des Unangenehmen oder Lustvollen zu empfinden“.

Mit zunehmendem Alter wird unser Geruchssinn aber immer schwächer. Schon im Alter von 40 Jahren nimmt unsere Fähigkeit, Düfte zu erkennen und zu unterscheiden, stetig ab. Kommt im Alter vielleicht noch Krankheit hinzu schreitet der Verlust des Geruchssinns immer schneller voran – besonders schnell baut sich das Riechvermögen bei Alzheimererkrankungen ab, im schlimmsten Fall bis zum völligen Verlust des Geruchssinns, mit dem auch ein Verlust von Erinnerungen einhergeht.

Riechen kann aber trainiert und der Verlust des Geruchssinns und der Erinnerungen aufgehalten werden. Durch die regelmäßige und gezielte Auseinandersetzung mit Gerüchen wird die Neubildung von Riechzellen angeregt.  In der Gartentherapie kommen Gerüche daher vor allem bei der Arbeit mit Alzheimererkrankungen zum Einsatz. Denn nichts fördert und fordert unser Gehirn so intensiv wie das Riechen. Daher ist es wichtig, regelmäßig und bewusst den Geruchssinn anzusprechen. Denn auch bei Alzheimerpatienten können Gerüche noch sehr lebendige Erinnerungen hervorrufen, die tief im Unterbewusstsein verschüttet schienen. Düfte und Gerüche immer wieder wahrnehmen, erkennen und zuordnen zu können, ist wichtig für das Erinnerungsvermögen – ein Leben lang.

Je nach Stadium der Erkrankung kann das Kurzzeitgedächtnis bereits so stark beeinträchtigt sein, dass sich die Betroffenen aktuelle Geschehnisse nicht mehr einprägen können. Daher kommen meist Gerüche zum Einsatz, die Erinnerungen im Langzeitgedächtnis aktivieren sollen. Um herauszufinden, mit welchen Düften der Geruchssinn und die Erinnerungen positiv stimuliert werden können, ist es unerlässlich, sich mit der Biografie der Klienten auseinanderzusetzen – wichtig ist hierbei auch die Identifikation von Düften, die mit negativen Erinnerungen verbunden sind, diese sollten in der Therapie nicht angewendet werden. Nur durch die biografische Arbeit können Rückschlüsse auf Gerüche gezogen werden, die möglicherweise mit Langzeiterinnerungen verknüpft sind – das Bohnenkraut in der Suppe der Mutter, das Parfum des Partners, der Geruch von frisch gemähtem Gras, der Blumenduft des eigenen Gartens, der Geruch von Sommerregen bei Spaziergängen, der Heugeruch bei der Feldarbeit oder frisch gesägtes Holz können Auslöser für vergessen geglaubte Erinnerungen sein.

Gerüche sind der Schlüssel zu unseren Erinnerungen, zu unserem bereits gelebten Leben, zu den Wurzeln unseres heutigen Ichs! Genießen wir also die Düfte der Natur ganz bewusst und lassen wir sie zu unseren schönsten Erinnerungen werden!"

Wenn Sie mehr über die Anwendungsgebiete und Möglichkeiten der Gartentherapie erfahren möchten, wenden Sie sich gerne an: kontakt@wurzelglueck.de! Frau Obenauff bietet ein breites Angebot an Kursen, Workshops, Vorträgen und Seminaren zu den Themenbereichen Gartentherapie, ökologisches Gärtnern und kreatives Gestalten mit Naturmaterialien! Sie kommt dazu auch gerne zu Ihnen und unterstützt Sie vor Ort bei Projekten und Veranstaltungen!